LANDPARTIE

Frei geboren – Nandus im Norden

Nandu © Pitopia, ArtOfPictures

landpartie | Nandus in Freiheit – in Norddeutschland. Als ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal einer Gruppe Nandus auf der schmalen Landstraße zwischen Utecht und Schattin begegnete, war ich gedanklich noch mit dem charmanten Warnschild „Otterwechsel“ beschäftigt, das ich wenige Kilometer zuvor in Rothenhusen am Nordzipfel des Ratzeburger Sees passiert hatte. Nun überquerte eine leibhaftige Gruppe von etwa zwanzig großen Laufvögeln die Straße. Heute weiß ich, der „Nanduwechsel“ ist an dieser Stelle keine Seltenheit, denn die hügelige Landschaft bei Schattin haben die Überlebenskünstler zu ihrer neuen Pampa erkoren.

Nandus bei Schattin © Andreas Klein/gynt.euDie ersten südamerikanischen Nandus entkamen bereits um die Jahrtausendwende aus einem Freigehege in Schleswig-Holstein und „machten rüber“ nach Mecklenburg. Die Züchter nahmen zunächst an, die Tiere könnten in Freiheit nicht überleben. Doch die Nandus siedelten sich an der Wakenitz  an und trotzen dort dem kühlen Norden. In jedem Frühjahr nach der Brut kommen neue hinzu. Aber in harten Wintern sterben auch Tiere, durch die Kälte im Winter 2017/18 soll sich die Population von ca. 250 auf 205 Vögel reduziert haben. Immer häufiger werden jetzt auch weiße Nandus beobachtet.

Die Laufvögel stehen im Norden auf der Grauen Liste – unter Beobachtung: Das Bundesamt für Naturschutz hat sie als „potenziell invasiver Neozon“ eingestuft – als Einwanderer, der Schaden anrichten kann. Ob die Ausbreitung der Tiere tatsächlich Auswirkungen auf das Ökosystem des Naturschutzgebietes am Rande des Biosphärenreservats Schaalsee hat, wird seither vom Umweltministerium der Länder und der Arbeitsgruppe Nandu-Monitoring untersucht.

Nandus © Pitopia, Thomas W. KranenbergZwangsläufig ist Streit entbrannt. Die Bauern und verschiedene Gruppen von Jägern und Naturschützern stehen den Tieren äußerst kritisch gegenüber und plädieren für deren Abschuss. In Mecklenburg könnte es ihnen tatsächlich bald an den Kragen gehen. Die Stimmung in der Politik richtet sich aufgrund der Mobilmachung der Bauern eher gegen die Nandus und kochte 2017 nochmal hoch. Seit 2017 ist daher ein kontrolliertes Anbohren von Eiern durch autorisierte Personen erlaubt. Dass dies auch zur Reduzierung des aktuellen Bestands beigetragen hat, ist denkbar. Auf Seiten Schleswig-Holsteins geht man weit gelassener mit dem (kleineren) Bestand um und setzt weiter auf Beobachtung. Die Vögel haben die Herzen vieler Einheimischer erobert und sind durchaus eine Touristenattraktion geworden. Auch die ursprünglich eingesetzte Arbeitsgruppe hält auf ihrer Website nach wie vor dagegen: „Ökologische Auswirkungen konnten bislang durch die Forschungen und das Monitoring jedoch nicht festgestellt werden. Daher sind Eingriffe in die Population rechtlich nicht begründbar.“

Da Nandus Pflanzenfresser sind und sie ihre Nahrungspalette nur während der Brutzeit mit eiweißhaltigen Insekten ergänzen, ist unwahrscheinlich, dass sie für die Fauna schädliche Fressfeinde darstellen. Auch von relevanten landwirtschaftlichen Schäden kann nicht ausgegangen werden: „40 Nandus fressen so viel wie eine Kuh“, lautete 2014 noch die Erkenntnis des Schweriner Umweltministeriums. Viele Bauern hingegen sagen, die Vögel wären inzwischen viel zu zahlreich, seien ständig im Raps und würden gravierende Schäden in fünfstelliger Höhe hinterlassen, für die sie keine Entschädigung erhielten.

Der Nandu ist mit bis zu 1,40 Metern ein großer, friedfertiger Vogel, der sich wehren kann. Insofern braucht man bei einer Begegnung mit den Tieren keine Angst haben, aber man sollte auch normale Zurückhaltung und Vorsicht walten lassen. Wenn sich ein Nandu bedroht fühlt, greift er an. Insbesondere im Frühjahr mit Jungtieren bleibt man besser auf Distanz, und „Bitte nicht füttern“ sollte selbstverständlich sein. Auf der Strecke zwischen Schattin und Utecht kann man die Vögel zudem sehr gut vom Auto beobachten.

Einen Ausflug in die mecklenburgische „Pampa“ sollte man unbedingt mit einem Besuch des Hofcafés Alte Zeiten in Schattin verbinden.

Seitenfoto: © Pitopia, ArtOfPictures, 2014
Foto Nandupaar: © Pitopia, Thomas W. Kranenberg, 2014

Foto (Gruppe) bei Schattin: Andreas Klein/gynt.eu